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Meine liebe Schwester

Elisabeth von Walsburg

Briefe aus Deutsch-Südwestafrika

herausgegeben von Marianne Acquarelli

Leseprobe aus Brief 4

Copyright beim Verlag




Meine liebe, liebe Schwester!

Es gibt keine Worte, die zum Ausdruck bingen können, wie niedergeschlagen ich bin. Verzeih mir, dass ich Deinen Brief nicht abwarte und Dir wieder schreibe, doch diesmal in allerhöchster Verzweiflung!

Wie Du weißt, habe ich das vergangene Osterwochenende herbeigesehnt, um in Ruhe mit Papa über meine Zukunft zu reden. Neben den Vorbereitungen für das Festessen habe ich jede freie Minute für meine Pläne, bald die Matura zu machen, genutzt. Die Bibliothek war an den meisten Vormittagen frei und ich habe mit meinen Vorbereitungen begonnen: Deutsch, Algebra, Geschichte, Geografie – alles, was mir in die Hände fiel.

Und nun scheint mein Traum wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Doch ich erzähle Dir von Anfang an: Am Gründonnerstag hatte ich mich wieder in die Bibliothek zurückgezogen und stand mit einem Buch vor dem Globus – die Länder Europas. Es kam doch tatsächlich Tristan herein und er ließ sich auch nicht mit dem Hinweis vertreiben, dass unser Bruder Andreas außer Haus sei. Er begann ein Gespräch mit mir, dessen Zweck ich erst einige Tage später begreifen sollte. Tristan wollte von mir wissen, was ich über ferne Länder dachte. Da ich ja mit Wilhelm und Georg die Ausstellung über die Deutschen Kolonien besucht hatte, unterhielten wir uns darüber.
Tristan war recht freundlich und erkundigte sich doch tatsächlich, ob ich gerne reiste. Ein entsetztes „Nein“ hätte mir entfahren sollen und ich wäre jetzt weniger unglücklich. Warum?
Am Ostermontag sah ich endlich die Gelegenheit für ein Gespräch mit Papa, der auch einwilligte, doch ich kam wenig zu Wort. Ohne mein Wissen und naturgemäß ohne mein Einverständnis hat der Freiherr von Walsburg um MEINE Hand angehalten. Stell Dir das nur vor! Papa zeigte sich überglücklich, denn nicht nur der Titel würde mir schmeicheln, sondern ich könne auch mit Stolz auf den Karriereweg blicken, den mein zukünftiger Ehemann einzuschlagen gedachte.
Tristan von Walsburg hat sich für die Stelle als Gemeindearzt in Windhuk beworben und wurde angenommen! Doch der derzeitige Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Theodor Leutwein, hat für die Bewerber neben der Ausbildung zum Mediziner noch eine weitere Bedinung gestellt. Um dem Frauenmangel in der Kolonie entgegenzuarbeiten, wird nur ein verheirateter Arzt eingestellt. Freiherr Tristan braucht als dringend eine Frau und die Tatsache, dass ich gerne reise, soll als Grundlage genügen? Meine ganzen Pläne brechen wie ein Kartenhaus in sich zusammen, damit ich als Mittel zum Zweck einem Mann, der mich nicht mag und ich ihn genauso wenig, um den halben Globus folge?

Als ich Papa auf diesen Umstand der mangelnden Sympathie aufmerksam machte, tat er meine Einschätzung als unrichtig ab. Tristan habe meine kompetente Art und meinen Fleiß in höchsten Tönen gelobt, denn er hätte mich angeblich schon länger beobachtet. Papa erklärte mir, daß er keinerlei Bedenken habe, seine Tochter diesem aufstrebenden jungen Mann anzuvertrauen.
Aufstrebend und jung? Ja vielleicht, aber keineswegs ehrlich. Tristan hat mich doch bisher kaum zur Kenntnis genommen. Im Gegenteil, er geruhte ja Andreas sogar mitzuteilen, dass die Schönheit unserer Mutter zur Gänze an Dich gegangen wäre und zwar so gründlich, dass für mich nichts mehr übrig gewesen war.
Länger beobachtet? Das fällt mir ebenso schwer zu glauben. Tristan hat wohl nur die Stellenausschreibung länger beobachtet, um festzustellen, dass er ganz schnell eine praktisch veranlagte Frau benötigt.
Seit jenem unseligen Gespräch mit Papa sitze ich wie gelähmt im Zimmer und starre meistens in meine Psyche. Dort sehe ich eine normal aussehende Frau, die genau wusste, was sie wollte und, der alle Zukunftspläne weggenommen wurden. Meine Fingerknöchel sind schon ganz verkrampft, so fest presse ich die Hände auf die Tischplatte. Gestern hatte ich eine geschlagene Stunde meinen Hut noch auf, bevor es mir auffiel. Oh, was soll ich nur machen?

Tristan hat bisher auch nicht wieder vorgesprochen und daher weiß ich eigentlich nur von Papa, dass ich offiziell verlobt sei. Müsste ich nicht vorher um meine Zustimmung gebeten werden? Doch bisher wurde mir nur ein dünnes Heft der Deutschen Kolonialgesellschaft aufs Zimmer gelegt, das die Auswanderer über Deutsch- Südwestafrika und seine angeblichen Vorzüge informiert. Doch darin gibt es eigentlich nur Informationen, die wohl für Männer gedacht sind. Es geht hauptsächlich um die Möglichkeiten, Arbeit zu finden oder die Landnahme als zukünftiger Farmer. Ein paar Abschnitte sind den Eingeborenen gewidmet und, wie man am besten mit ihnen umgeht. Sachdienliche Hinweise für Frauen fehlen zur Gänze und ich kann mir nicht das geringste Bild machen.

Liebe Victoria, ich höre, dass man nach mir ruft. Ich muss hier leider enden.

In Liebe

Deine Elisa