Meine liebe, liebe
Schwester!
Es gibt keine Worte, die zum Ausdruck bingen können, wie
niedergeschlagen ich bin. Verzeih mir, dass ich Deinen Brief nicht
abwarte und Dir wieder schreibe, doch diesmal in allerhöchster
Verzweiflung!
Wie Du weißt, habe ich das vergangene Osterwochenende
herbeigesehnt, um in Ruhe mit Papa über meine Zukunft zu
reden. Neben den Vorbereitungen für das Festessen habe ich
jede freie Minute für meine Pläne, bald die Matura zu
machen, genutzt. Die Bibliothek war an den meisten Vormittagen frei und
ich habe mit meinen Vorbereitungen begonnen: Deutsch, Algebra,
Geschichte, Geografie – alles, was mir in die Hände
fiel.
Und nun scheint mein Traum wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Doch ich
erzähle Dir von Anfang an: Am Gründonnerstag hatte
ich mich wieder in die Bibliothek zurückgezogen und stand mit
einem Buch vor dem Globus – die Länder Europas. Es
kam doch tatsächlich Tristan herein und er ließ sich
auch nicht mit dem Hinweis vertreiben, dass unser Bruder Andreas
außer Haus sei. Er begann ein Gespräch mit mir,
dessen Zweck ich erst einige Tage später begreifen sollte.
Tristan wollte von mir wissen, was ich über ferne
Länder dachte. Da ich ja mit Wilhelm und Georg die Ausstellung
über die Deutschen Kolonien besucht hatte, unterhielten wir
uns darüber.
Tristan war recht freundlich und erkundigte sich doch
tatsächlich, ob ich gerne reiste. Ein entsetztes
„Nein“ hätte mir entfahren sollen und ich
wäre jetzt weniger unglücklich. Warum?
Am Ostermontag sah ich endlich die Gelegenheit für ein
Gespräch mit Papa, der auch einwilligte, doch ich kam wenig zu
Wort. Ohne mein Wissen und naturgemäß ohne mein
Einverständnis hat der Freiherr von Walsburg um MEINE Hand
angehalten. Stell Dir das nur vor! Papa zeigte sich
überglücklich, denn nicht nur der Titel
würde mir schmeicheln, sondern ich könne auch mit
Stolz auf den Karriereweg blicken, den mein zukünftiger
Ehemann einzuschlagen gedachte.
Tristan von Walsburg hat sich für die Stelle als Gemeindearzt
in Windhuk beworben und wurde angenommen! Doch der derzeitige
Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, Theodor Leutwein, hat
für die Bewerber neben der Ausbildung zum Mediziner noch eine
weitere Bedinung gestellt. Um dem Frauenmangel in der Kolonie
entgegenzuarbeiten, wird nur ein verheirateter Arzt eingestellt.
Freiherr Tristan braucht als dringend eine Frau und die Tatsache, dass
ich gerne reise, soll als Grundlage genügen? Meine ganzen
Pläne brechen wie ein Kartenhaus in sich zusammen, damit ich
als Mittel zum Zweck einem Mann, der mich nicht mag und ich ihn genauso
wenig, um den halben Globus folge?
Als ich Papa auf diesen Umstand der mangelnden Sympathie aufmerksam
machte, tat er meine Einschätzung als unrichtig ab. Tristan
habe meine kompetente Art und meinen Fleiß in
höchsten Tönen gelobt, denn er hätte mich
angeblich schon länger beobachtet. Papa erklärte mir,
daß er keinerlei Bedenken habe, seine Tochter diesem
aufstrebenden jungen Mann anzuvertrauen.
Aufstrebend und jung? Ja vielleicht, aber keineswegs ehrlich. Tristan
hat mich doch bisher kaum zur Kenntnis genommen. Im Gegenteil, er
geruhte ja Andreas sogar mitzuteilen, dass die Schönheit
unserer Mutter zur Gänze an Dich gegangen wäre und
zwar so gründlich, dass für mich nichts mehr
übrig gewesen war.
Länger beobachtet? Das fällt mir ebenso schwer zu
glauben. Tristan hat wohl nur die Stellenausschreibung länger
beobachtet, um festzustellen, dass er ganz schnell eine praktisch
veranlagte Frau benötigt.
Seit jenem unseligen Gespräch mit Papa sitze ich wie
gelähmt im Zimmer und starre meistens in meine Psyche. Dort
sehe ich eine normal aussehende Frau, die genau wusste, was sie wollte
und, der alle Zukunftspläne weggenommen wurden. Meine
Fingerknöchel sind schon ganz verkrampft, so fest presse ich
die Hände auf die Tischplatte. Gestern hatte ich eine
geschlagene Stunde meinen Hut noch auf, bevor es mir auffiel. Oh, was
soll ich nur machen?
Tristan hat bisher auch nicht wieder vorgesprochen und daher
weiß ich eigentlich nur von Papa, dass ich offiziell verlobt
sei. Müsste ich nicht vorher um meine Zustimmung gebeten
werden? Doch bisher wurde mir nur ein dünnes Heft der
Deutschen Kolonialgesellschaft aufs Zimmer gelegt, das die Auswanderer
über Deutsch- Südwestafrika und seine angeblichen
Vorzüge informiert. Doch darin gibt es eigentlich nur
Informationen, die wohl für Männer gedacht sind. Es
geht hauptsächlich um die Möglichkeiten, Arbeit zu
finden oder die Landnahme als zukünftiger Farmer. Ein paar
Abschnitte sind den Eingeborenen gewidmet und, wie man am besten mit
ihnen umgeht. Sachdienliche Hinweise für Frauen fehlen zur
Gänze und ich kann mir nicht das geringste Bild machen.
Liebe Victoria, ich höre, dass man nach mir ruft. Ich muss
hier leider enden.
Deine Elisa
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